Vorgelesen von einer KI-Stimme
Der Sommer kehrt zurück, und die Wege füllen sich. Mit Rucksack und Karte in der Hand werden in dieser Saison viele an jenen kleinen Steinmalen vorbeigehen, die in unserer Landschaft stehen. Ein Wegkreuz. Ein Steinkreuz, manchmal von Flechten überzogen, das man passiert, ohne es wirklich wahrzunehmen.
Auf der Wanderkarte ist es nur ein Punkt. Ein winziges Symbol, verloren in der Weite der Wälder und Höhenlinien, eine Orientierungsmarke unter hundert anderen. Man überfliegt es mit dem Blick und geht weiter.
Und doch ist dieser kleine Punkt kein gewöhnlicher. Es ist eine Kreuzung — genau der Ort, wo sich Wege trennen, wo man entscheiden muss. Auf dem Papier unbedeutend, im Gelände entscheidend. Das Wort Kreuzung trägt es bereits in sich: das Kreuz.
Einst erfüllte dieses Wegkreuz seinen Zweck. Es zeigte den Fuhrwerken an, dass hier zwei Wege aufeinandertrafen. Heute hält kein Karren mehr dort an.
Und doch steht es immer noch.
Du gehst. Du kommst an diese Kreuzung. Und wie jeder Wanderer vor einer Weggabelung stellst du die einzige Frage, die dich brennt: Wohin? Welcher Weg? Du suchst einen Pfeil, ein Schild, irgendetwas, das dir endlich sagt, welche Richtung du einschlagen sollst.
Du blickst zum Kreuz auf. Du wartest darauf, dass es dir den Weg weist.
Und es sind keine Pfeile, die du findest.
Es sind offene Arme.
Die Kreuzung stellte dir eine Frage nach dem Weg. Das Kreuz antwortet dir mit einer Umarmung. Du kamst, um eine Richtung zu finden — und triffst auf jemanden, der auf dich gewartet hat.
Und was diese Arme dir sagen, mein Freund, meine Schwester, ist nicht: „Hier hättest du entlanggehen sollen." Es ist kein Vorwurf für all die Wege, die du bereits verpasst hast. Es ist einfacher — und unendlich größer: Komm, wie du bist, ich liebe dich.
Nicht „komm, wenn du den richtigen Weg gefunden hast." Nicht „komm, wenn du dich gebessert hast." Komm. Jetzt. Mitgenommen, müde, vielleicht verloren. Das Willkommen fragt dich zunächst nichts. Es empfängt dich zunächst.
„Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen; er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn."
Lukas 15,20
Schau dieses Kreuz genau an. Zwei Balken. Man liest darin gern das Bild einer Kreuzung — das Waagerechte der Wege, das Senkrechte des Himmels. Doch unter diesen offenen Armen kippt alles.
Das Waagerechte sind nicht mehr die Wege der Kreuzung. Es sind zwei Arme, die sich öffnen, um dich ganz zu umfangen. Und das Senkrechte weist nicht mehr in eine Richtung: Es verbindet den Himmel mit dir, hier, mitten in deinem alltäglichen Gang.
Das Kreuz ist keine Mauer, die deinen Weg versperrt. Es ist eine Tür. Besser noch: Es ist eine aufrechte Gegenwart, die auf dich wartete, wo du sie nicht mehr erwartet hättest.
„Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, wird er gerettet werden."
Johannes 10,9
Denn so kommt Gott. Nicht verbannt in ein fernes Heiligtum, das man sich erst verdienen müsste. Er stellt sich auf deinen Alltagsweg, an die banalste Kreuzung eines gewöhnlichen Lebens. Du musst dich nicht mühsam zu ihm hinaufarbeiten. Er stellt sich in deinen Weg. Und er ist sogar auf den Karten verzeichnet, von Weitem sichtbar — als ob das Willkommen, auf der ganzen Weite deines Weges, an einem bestimmten Punkt auf dich gewartet hätte. An einem Punkt, den man für nebensächlich hält, der aber dennoch alles entscheidet.
„Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns."
Johannes 1,14
Du wirst wieder aufbrechen, natürlich. Die Kreuzung ist noch da, die Wege auch, und einer muss gewählt werden.
Aber du wirst ihn anders wählen als zuvor.
Du wirst nicht mehr aus Angst vor dem falschen Weg gehen, sondern getragen von der Ruhe, willkommen geheißen worden zu sein. Die richtige Richtung entsteht nicht aus Angst. Sie entsteht aus der Umarmung. Man wählt gut, wenn man zuerst geliebt wurde.
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich werde euch Ruhe geben."
Matthäus 11,28