Ein Wartezimmer in einer Arztpraxis: Eine Frau in grüner Strickjacke schaut mit einem leichten Lächeln auf ihre Armbanduhr; über ihr verkündet ein Aushang « Respekt und Geduld gibt es noch nicht als Infusion ». Im Hintergrund warten weitere Patienten, einer liest Zeitung.
Betrachtung · 6. Juli 2026

Unser Leben: ein Wartezimmer

Wir leben nicht: wir warten darauf zu leben. Was, wenn der Glaube uns den Augenblick neu lehrte?


Vorgelesen von einer KI-Stimme


« Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht. »

Hebräer 3,15

Im Wartezimmer des Arztes ein kleiner Aushang: « Respekt und Geduld gibt es noch nicht als Infusion. » Man lächelt. Dann schaut man auf die Uhr.

Wir können warten. Wir verbringen sogar unser ganzes Leben damit. Die ganze Woche warten wir auf den Samstag; und am Sonntag warten wir schon auf den nächsten Sonntag. Wir fahren schnell, weil wir darauf warten anzukommen — und kaum angekommen, warten wir darauf, wieder aufzubrechen. Im Kino stehen manche vor dem Ende auf, als wären sie nur gekommen, um darauf zu warten, wieder zu gehen. Man serviert uns die Suppe, und wir denken schon an den Nachtisch.

Wir erwecken den Eindruck zu glauben, das Leben sei niemals jetzt. Dieser Augenblick wäre nichts; erst der nächste würde zählen. Wir leben nicht: wir warten darauf zu leben. Mit dem Dasein haben wir Verabredungen, die immer auf morgen gelegt sind.

Und doch gibt es tausend Weisen zu warten. Die Schlange im Supermarkt, erduldet, in der man sich ärgert. Die Schlange vor dem Konzert, gewählt, freudig, in der Fremde beinahe zu Freunden werden, weil sie dasselbe erhoffen. Und jene Schleusen, wo ein Schild kühl verkündet: « Ab hier dreißig Minuten Wartezeit. » Seltsame Zeit, die zu messen weiß, wie viel Zeit sie verlieren wird.

Denn genau das ist das Wort, das wir gebrauchen: man schlägt die Zeit tot. Als wäre sie ein Feind. Doch während wir meinen, sie zu töten, ist sie es, die uns sanft davonträgt.

Die Bibel kennt diese Spannung. Sie sagt zwei Dinge, die einander zu widersprechen scheinen. Einerseits: « Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht » (Hebräer 3,15). Warte nicht auf morgen. Andererseits: « Seid geduldig bis zum Kommen des Herrn » (Jakobus 5,7). Unser ganzes Leben wäre also ein Warten.

Wie beides zusammenhalten? Der Unterschied liegt nicht in der Stunde, sondern im Herzen: das Warten hat nicht dieselbe Farbe, je nachdem, was man erhofft.

Wer in der Ungeduld lebt, ist immer anderswo — später, weiter weg, niemals hier. Die christliche Hoffnung tut das Gegenteil: weil das Ende gewiss ist, wird die Gegenwart bewohnbar. Ich muss diesem Augenblick nicht mehr entfliehen: er wird schon von Jemandem gehalten.

Dann wandelt das Warten sein Gesicht. Es ist nicht mehr der Raum, in dem man ungeduldig auf die Uhr schaut, sondern die Schlange derer, die gemeinsam hoffen, weil sie wissen, Wer am Ende auf sie wartet.

Jesus hat nie gesagt: « Das Jetzt zählt nichts, wartet auf das, was kommt. » Er hat das Gegenteil gesagt. Wegen dessen, was kommt, warte nicht: ergreife den heutigen Tag. Lebe sofort. Gieße deine Seele in den Augenblick.

Denn jede Minute meiner Zeit trägt einen Namen. Sie heißt mein Leben.

Zum Vertiefen
Hebräer 3,15 Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Jakobus 5,7 So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn.
Matthäus 6,34 Darum sorgt nicht für morgen… Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
Psalm 118,24 Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

Und du, heute — wirst du weiter auf die Uhr schauen und darauf warten zu leben, oder wirst du deine Seele in diesen Augenblick gießen, den Jemand schon hält?

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